Kinder - Gedenkfeier auf dem Stöckener Friedhof in Hannover
am 14.05.2016

Die Herzen schlagen ein bisschen schneller am heutigen Tag in der
Friedhofskapelle in Stöcken. Vieles hier erinnert an den einen,
besonders schmerzhaften Tag. Der Raum, die Stühle, die Kerzen, der
Geruch … man kennt es alles. Aber auch die, die an diesen Raum keine
besonderen Erinnerungen knüpfen, spüren doch all die Geschichten, die
hier schon gelebt haben. Sie sind unterschiedlich und passen doch
ineinander. Ein Stück allerdings fehlt.

Viele Monate hat das Vorbereitungsteam um Janine Zeller gearbeitet,
um den Tag perfekt zu machen. An so vieles war zu denken, manchen hat
die Planung den Schmerz ein wenig erleichtert – unsere Kinder sind
ein Teil von uns, sie brauchen uns.
Die Kapelle lädt zur Stille ein. Es wird automatisch ruhiger,
andächtiger, erfüllter. Wir beobachten das wachsende Kerzenmeer,
welches die Kapelle nach und nach weiter erhellt. Jedes einzelne
Licht in Gedenken an unsere Kinder. Kinderstimmen schallen durch den
Raum und doch warten wir vergebens auf die Stimmen, die wir so gerne
hören würden. Auf den Puzzleteilen hinter den Kerzen können wir ihre
Namen lesen, jeden einzelnen.

Alle haben eine Spur hinterlassen, alle sind für immer ein Teil von
uns, niemand hier zweifelt daran.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem
neuen Tag!“ von Dietrich Bonhoeffer, spielt uns der Chor und wir,
konfessionell oder nicht, haben das sonderbare Gefühl, dass es auch
so ist.
Wir hören Worte und Gedichte von anderen Müttern und finden uns in so
vielen Worten wieder. Wir sind nicht alleine, im Gegenteil.

Während wir den tröstenden Worten von Diakonin Ilse-Dore Grahe
lauschen sind wir froh darüber, dass Trauer sein darf und sich unsere
Tränen den Weg nach draußen bahnen. Plötzlich fällt an diesem sonst
so trüben Tag ein Lichtstrahl in die Kapelle und trifft die Kerze,
die am hellsten scheint und für alle verstorbenen Kinder und deren
Eltern leuchtet, die heute nicht hier sein können.
Sie sind da, sie sind ein Teil von uns.
Sie sind da in den Gedanken, in der Erinnerung, im Schmerz, in der
Trauer und auch in der Freude. Freude darüber, dass wir die
Gelegenheit bekommen haben, unser Herz zu teilen.

In alter Tradition werden nach den Gedenkworten Luftballons mit
Grüßen an unsere Kinder von uns bestückt und auf der
Kindergedenkstätte in den Himmel geschickt. Wir schauen ihnen lange
nach und wünschten sehnlichst, dass der Weg zu ihnen nicht so
unendlich weit entfernt wäre. Und doch spüren wir ihre Anwesenheit
ganz genau. Der Himmel klart auf und erstrahlt im schönsten Babyblau.
Es sind die einzigen 30 Minuten an diesem Tag.
Wir verweilen noch ein bisschen bei unseren Kindern und im neuen
Integrationscafé „Anna Blume“ und kommen ins Gespräch. So viele
offene Herzen, manche sind einem über die Jahre und Monate vertraut
und lieb geworden andere finden sich erst jetzt. Jeder ist
willkommen, in seiner Trauer und in seinem Frieden.

Wir alle haben diese fehlenden Puzzleteile, die einfach unersetzbar
sind und doch freuen wir uns, dass wir die Gelegenheit bekommen, hier
an unsere Kinder zu denken. Hier, am Samstag nach Muttertag. Wir sind
Väter, Großeltern, Geschwister, Paten, Freunde, Tanten, Onkel und vor
allem Mütter, die ihre Kinder an Muttertag zwar nicht in den Armen
halten dürfen, die aber nicht weniger Mütter sind. Sie mussten die
einen Teil von sich selbst aufgeben, aber noch einen viel größeren
Teil behalten durften – die Liebe zu ihren Kindern.
Für immer ein Teil von uns, Teil von dieser Erde, Teil von unserem
Leben. Immer.

Eine herzliche Einladung an dieser Stelle wird für die nächste
Gedenkfeier ausgesprochen, die am Samstag nach Muttertag, also den
20.05.2017 in Stöcken stattfinden wird.
Nadine Weske

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