Wenn ein Kind vor, während oder nach der Geburt stirbt....

… dann stellt dies immer wieder eine Unterbrechung in der Klinikroutine dar. Hebammen, Ärzte und Pflegepersonal werden mit dem Tod konfrontiert. Sie begegnen Patienten und deren Angehörigen in einer Ausnahmesituation. Das sind Eltern, deren Kinder früh durch eine Fehlgeburt oder auch durch einen induzierten Schwangerschaftsabbruch gestorben sind ebenso wie auch reife Kinder um den errechneten Entbindungstermin herum.

In diesen Situationen werden ganz unterschiedliche Reaktionen bei den betroffenen Eltern einerseits, aber auch bei dem medizinischen Fachpersonal andererseits ausgelöst.

Diese Patienten dürfen eine angemessene professionelle Umgangsweise in dieser Ausnahmesituation erwarten!
Nachfolgende Hinweise sollen hierbei unterstützen und einen sichereren Umgang mit dieser herausfordernden Situation ermöglichen.


Was im Vorfeld organisiert sein sollte

Eine Elternmappe mit allen wichtigen Informationen, Namenskarte, Stempelkissen für Fuß- und Händeabdruck sowie ein Babykästchen (Korb) sollten stets vorbereitet an einem allen bekannten Ort gelagert sein.

Das Fotografieren von toten Kindern will gelernt sein!


Beispiele für Fotos verstorbener Kinder

Besuchen Sie geeignete Fortbildungen oder initiieren Sie diese als Inhouse-Veranstaltung.

Was für Sie als Hebamme / Geburtshelfer jetzt wichtig ist

Machen Sie sich klar, dass diese Eltern unter Schock stehen! In dieser Phase reagieren sie meist in ihren gewohnten Mustern, jedoch immer übertrieben. So ist ein „Abnicken“ (ohne zu verstehen) von Informationen ebenso möglich wie ein aggressives Verhalten, auch medizinischem Personal gegenüber!

Fragen Sie die Eltern niemals in der Aufnahmesituation danach, ob sie ihr Kind anschauen möchten. Meist reagieren sie aus einer Fluchttendenz dazu ablehnend!

Kontrollieren Sie Ihre Sprache! Ein Kind ist etwas anderes als ein Foet oder Abortmaterial. „Stille Geburt“ drückt etwas anderes aus als „Ausstoßung“.

Erlauben Sie sich eigene Emotionen und Tränen!

Fragen Sie nach dem Namen des Kindes und sprechen Sie danach das Kind immer mit seinem Namen an. Haben die Eltern noch keinen gewählt, fordern Sie sie dazu auf. Es lässt sich dann leichter über das Kind reden.

Halten Sie eine Liste von Unisex-Namen bereit, falls das Geschlecht noch nicht feststeht (Luca, Kai, Mika usw.).

Binden Sie auf Wunsch der Eltern die Krankenhausseelsorge mit ein.

Klären Sie mit der Krankenhausseelsorge, ob eine Segnungsfeier möglich ist, und bieten Sie dies dann den Eltern an.

Händigen Sie eine „Elternmappe“ mit wichtigen Informationen für die Eltern aus. Hier sollten auch Selbsthilfegruppen aufgeführt sein.

Achten Sie auf Ihre Worte! „Sie sind noch jung“ bringt dieses Kind nicht zurück! Berichten Sie von keinen eigenen Schicksalsschlägen!

Das Zimmer sollte von außen an der Tür gekennzeichnet sein, damit nicht versehentlich „gratuliert“ wird. Bedenken Sie, dass es unwahrscheinlich ist, dass alle Mitarbeiter in einer Klinik informiert sind.

Bemühen Sie sich in der Begleitung um möglichst wenig Personalwechsel. Eine Bezugsperson für die Dauer des Klinikaufenthalts ist sehr zu empfehlen!

Fragen Sie die Eltern frühzeitig, ob eine Nottaufe (Segnung) ihres Kindes gewünscht ist. Informieren Sie dazu die Krankenhausseelsorge oder eine geeignete Person.

Verabreichen Sie keine sedierenden Analgetika, sie wirken sich störend auf die Trauerverarbeitung aus!

Informieren Sie rechtzeitig über die Möglichkeit einer Periduralanästhesie (PDA) und füllen Sie dazu den Fragebogen zusammen mit den Eltern aus.

Gerade bei frühen Schwangerschaften verlaufen die Entbindungen häufig überraschend, seien Sie darauf vorbereitet (Bereitstellung von notwendigen Utensilien).

Sie werden nicht gratulieren können, deshalb überlegen Sie zuvor, was Sie sagen könnten, z.B. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen jetzt nicht gratulieren kann“, oder „Sie haben gut mitgemacht, wirklich alles gegeben“.

Viele Eltern reagieren nach der Geburt trotz totem Kind euphorisch!

Fragen Sie die Eltern, ob sie direkt nach der Entbindung allein sein möchten. Weisen Sie darauf hin, dass sie auf Nachblutungen zu achten haben.

Auch bei frühen Schwangerschaften ist nicht immer eine Kürette notwendig. Die Plazenta sollte immer histologisch untersucht werden.

Wenn es Ihnen gemäß ist, bieten Sie den Eltern an, für sie und das Kind zu beten.

Sorgen Sie für Mementi/ Erinnerungen! Den Fußabdruck zunächst auf einem Extrablatt anfertigen und dann in die Namensurkunde kleben.

Das Namensbändchen und die Namensurkunde sorgfältig und komplett ausfüllen.

Das Foto des Kindes erfordert viel Zeit! Bedenken Sie die Unterlage (kein OP-Tuch, Einmalunterlage), bedecken Sie das Kind teilweise bei einigen Fotos, legen Sie eine Blume neben das Kind (gibt es zuhauf auf der Wöchnerinnenstation), fotografieren Sie verschiedene Positionen! Fertigen Sie auch Fotos zusammen mit den Eltern an. Ein einfühlsames Foto lässt dem Kind seine Würde! Besprechen und üben Sie diesen Punkt auch in Dienstbesprechungen!

Versuchen Sie eine Hebamme für die Betreuung im verwaisten Wochenbett zu organisieren. Alle Frauen haben unabhängig vom Schwangerschaftsalter hierauf ein Anrecht.

Besuchen Sie die Eltern nach der Entbindung am nächsten Tag auf der Station. Haben Sie keine Angst vor der Visite, die Eltern sind dankbar! Planen Sie Zeit dafür ein.

Reflektieren Sie Erlebtes mit Kollegen/ Kolleginnen. Loben Sie sich, stellen Sie aber auch fest, wo Verbesserungsbedarf ist.


Was den Eltern gut tut

Nach Möglichkeit sollte der Vater mit aufgenommen werden. Beide sind in einem Einzelzimmer unterzubringen.

Zieht sich eine Entbindung über einen längeren Zeitraum hin, hilft den Eltern auch begleitende Literatur (z.B. „Gute Hoffnung, jähes Ende“, siehe auch Literatur).

In den Patientenzimmern ist es oft sehr still. Fragen Sie, ob die Eltern ein Radio oder einen CD Player möchten.

Der werdende Vater hat evtl. noch keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht. Erklären Sie ihm, wie er seine Frau unterstützen kann (gemeinsames Atmen, Kreuzbeinmassage).

Erklären Sie den Eltern den Ablauf rund um die Geburt, auch wo diese stattfinden wird.

Bieten Sie den Müttern alle Hilfe an, die Sie auch Frauen mit lebenden Kindern anbieten (Kirschkernkissen, warme Wanne, Massagen und ganz wichtig: Beistand!)

Bieten Sie dem Vater selbstverständlich an, sein Kind abzunabeln.

Legen Sie das Kind in ein Tuch in die Arme der Mutter.
Lassen Sie es dort, solange sie dies möchte.

Animieren Sie die Eltern, Ihr Kind mit dem eigenen Handy zu filmen.

Fragen Sie die Eltern, ob sie das Kind ankleiden wollen oder ob Sie das für sie tun sollen. Nur selten haben die Eltern eigene Kinderwäsche mitgebracht. Es empfiehlt sich, das Kind zunächst in ein Tuch zu wickeln und auf ausgewählte Kleidung der Eltern zu warten. Bei sehr kleinen Kindern können es schöne Tücher sein. Die oft zitierten „Puppenkleider“ passen in den Proportionen nicht!

Informieren Sie die Eltern darüber, dass sie das Recht haben, ihr Kind für 36 Stunden ab Geburtszeit mit nach Hause nehmen zu dürfen (Kinder über 500g oder mit Lebenszeichen, darunter gibt es keine Frist).

Bieten Sie den Eltern an, dass auch andere Familienangehörige das Kind sehen dürfen! Es hat nur wenige Zeitzeugen!

Wenn die Eltern Sie zur Bestattung einladen, versuchen Sie diesen Termin wahrzunehmen. Es zeigt Ihre aufrichtige Teilnahme und wird sicher auch Ihnen selbst gut tun.

Der Abschied aus dem Krankenhaus ohne Kind ist für die Eltern sehr schwer. Sie haben das Gefühl, ihr Kind nie mehr sehen zu dürfen. Deshalb bieten Sie „Besuche“ beim Kind an. Nennen Sie dazu eine Kontaktadresse. Klären Sie vorab, wie lange das Kind in der Klinik verbleiben kann.


Das Kopieren dieser Seite ist ausdrücklich gestattet!

Sicher sind diese Hinweise nicht allumfassend. Ich freue mich über Ergänzungen oder Kritik!
Heidi Blohmann E Mail: blohmann-krueger@t-online.de